Zeitschrift für Sozialpsychologie, Nr. 4, 1997
Zusammenfassung
In dem Aufsatz werden die Thesen Jochen Brandtstädters zu Empiriebezug der Psychologie kritisch diskutiert. Dazu werden zunächst die relevanten Unterscheidungen von Leibniz und Kant rekapituliert, die anschließend für eine schärfere Konturierung des Begriffs der strukturellen Implikation verwendet werden. Legt man nun die Theorie empirischer Begriffe von Thomas S. Kuhn zugrunde, so zeigt sich, daß die Abgrenzung struktureller Implikationen von empirischen Behauptungen noch delikater ist als Brandtstädter annimmt.
Schlüsselwörter
Brandtstädter, Empiriebezug der Psychologie, strukturelle Implikationen
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
The paper discusses Jochen Brandtstädter's theses about the relation of psychology to empiricism. First, the relevant distinctions of Leibniz and Kant are recapitulated, and then applied to a sharper articulation of the concept of a structural implication. Using Thomas Kuhn's theory of empirical concepts, it is finally shown that the contrast between structural implications and empirical statements is even more delicate than Brandtstädter assumes.
Keywords
Brandtstädter, relation of psychology to empiricism, structural implications
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Zusammenfassung
In den letzten Jahren hat sich die sozialpsychologische Forschung verstärkt mit der Arbeitsmotivation in Gruppen beschäftigt. Im wesentlichen können dabei zwei experimentelle Paradigmen unterschieden werden: das Paradigma des Social Loafing (Soziales Faulenzen) und das Paradigma des Free-Riding (Trittbrettfahren). Soziales Faulenzen sollte dann zu beobachten sein, wenn durch die nicht vorhandene Identifizierbarkeit der Einzelleistungen keine individuellen Anreize mit der Einzelleistung verbunden sind. Trittbrettfahren sollte demgegenüber in Situationen auftreten, in denen ein Konflikt zwischen individuellen und kollektiven Interessen besteht. In jüngster Zeit sind wert-erwartungstheoretische Annahmen vorgeschlagen worden, die die Befunde beider Paradigmen umfassend erklären können. Entsprechend dieser theoretischen Vorhersagen konnten in der vorliegenden Untersuchung beide Motivationsverluste in einem einzigen Design mit einer körperlich anstrengenden Aufgabe nachgewiesen werden. Die zusätzlich erhobenen Befragungsergebnisse stützen dabei ebenfalls die theoretischen Annahmen. Erwartungskonträr konnte ein zusätzlich eingeführter Gruppenwettbewerb den Motivationsverlust des Trittbrettfahrens nicht kompensieren.
Schlüsselwörter
Gruppenproduktivität, Motivationsverlust, Trittbrettfahren, Soziales Faulenzen, Soziales Dilemma
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
During the last few years social psychologists have increasingly
been engaged in studying work motivation in groups. Essentially, two
different experimental paradigms can be distinguished: the paradigm
of social loafing and the paradigm of free-riding. Social loafing can
be observed when there are no contingent rewards to the individual
because of a lack of identifiability of the individual performance.
In contrast, free-riding occurs in situations of conflicting
individual and collective interests.
Recently, theoretical assumptions on the basis of an expectancy value
approach have been suggested to explain the results of both
paradigms. In accordance with the theoretical predictions both
motivation losses were demonstrated within one experimental design
using a physical strenous task. Questionnaire data provide additional
support for the theoretical assumptions. Contrary to expectations, an
introduction of group competition could not compensate for the
motivation loss of free-riding. However, this result does not
contradict the theoretical assumptions.
Keywords
group productivity, motivation loss, free-riding, social loafing, social dilemma
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Zusammenfassung
Der soziometrische Status und die selbst- und
fremdeingeschätzte Viktimisierung (Bullying) von
Versuchspersonen fünfter, siebter und elfter Gymnasialklassen (N
= 443) wurden ermittelt. Der als «abgelehnt» eingestufte
Anteil der ProbandInnen betrug 10,8%. 5,0% wurden aufgrund der
Einschätzungen durch die eigenen KlassenkameradInnen und 3,6%
via Selbsteinschätzung als viktimisiert identifiziert.
Viktimisierte Personen (Fremd- und Selbsteinschätzung) befanden
sich vorwiegend in der Statusgruppe der Abgelehnten, jedoch wurden
nur weniger als die Hälfte der abgelehnten Individuen
viktimisiert. Dieser Befund legt nahe, daß Ablehnung eine
notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung von Bullying darstellt.
Darüber hinaus befanden sich in jeder Schulklasse mindestens ein
und maximal zwei viktimisierte Individuen. Dies legt nahe, daß
Außenseitern möglicherweise wichtige, noch zu erforschende
Funktionen in der festen sozialen Gruppe zukommen.
Schließlich wurden auf der Basis der Fremd- und
Selbstangaben zu Bullying vier Untergruppen gebildet: Die mittels
beider Datenquellen als Opfer identifizierten (7) Personen werden als
«viktimisiert» bezeichnet, und die Gruppe von Personen
(412), bei denen beide Datenquellen keinen Hinweis auf Bullying
ergaben, als «nicht-viktimisiert». (14) Personen, die zwar
aufgrund der Peer-Angaben als viktimisiert identifiziert wurden, sich
selbst aber nicht als Opfer nannten, wurden der Gruppe der
«defensiven» zugeordnet. Die vierte Gruppe (9 Personen)
nannte sich selbst als viktimisiert, ohne daß sie mittels
Peerangaben als Bullying-Opfer identifiziert worden waren. Diese
Gruppe wird als «sensitiv» bezeichnet. Die vier
Untergruppen unterscheiden sich hinsichtlich psychologisch
bedeutsamer Variablen. So stoßen beispielsweise die Personen,
die sowohl in der Selbst- als auch in der Fremdeinschätzung als
Opfer genannt wurden, auf ein besonders starkes Ausmaß an
Ablehnung.
Schlüsselwörter
Sozialer (Soziometrischer) Status, Bullying, Mobbing, Peer Rejection
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Assessed sociometric status as well as self- and other-judgements
of victimization (bullying) of 5th, 7th, and 11th graders (N = 443)
The percentage of children classified as «rejected» was
10.8%, 5.0% were identified as victimized via peer judgments, and
3.6% via self-assessment. Victimized individuals (self- and
other-judgments) almost exclusively belonged to the status group of
rejected; whereas only about half of the rejected individuals were
victimized. This data pattern suggests that rejection constitutes a
necessary but not sufficient condition for bullying. Further, each
school class had at least one and at the most two individuals who
were victimized, suggesting that outsiders carry important,
underresearched functions in the (fixed) social group.
On the basis of self- and other-judgments, four sub-groups were
created: (7) Individuals identified as bullied via both data sources
were called «victimized», while those (412) individuals for
whom neither data source indicated victimization were classified as
«non-victimized». (14) Individuals who were identified as
victimized on the basis of peer nominations were categorized into the
«defensive» group. The fourth group (9 individuals)
indicated themselves to be victimized without according peer
nominations. This group was termed «sensitive». These four
subgroups differ with respect to important psychological variables.
For instance, those individuals who were identified as victimized by
both data sources experience the highest degree of rejection.
Keywords
Social (sociometric) status, bullying, mobbing, peer rejection
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Zusammenfassung
Wenn eine Person vorrangig als Mitglied einer sozialen Gruppe und weniger als einzigartiges Individuum wahrgenommen wird, spricht man von der «Salienz» einer sozialen Kategorisierung. Im vorliegenden Beitrag wird ein theoretisches Modell vorgestellt, das in Anlehnung an die Arbeiten von Bruner (1957) und Oakes (1987) verschiedene Einflußfaktoren auf die Salienz sozialer Kategorisierungen postuliert. Anschließend werden die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung berichtet, in der allgemeine Aussagen des Modells anhand einer spezifischen Fragestellung überprüft wurden. Zum einen wurde der Einfluß von Exklusion und Inklusion auf die Salienz einer sozialen Kategorisierung untersucht. Exklusion bezeichnet dabei den Fall, daß die Kategorisierung die wahrnehmende Person ausschließt, während bei Inklusion die wahrnehmende Person in die Kategorisierung eingeschlossen ist. Zum anderen wurde der Zusammenhang zwischen sozialer Kategorisierung und sozialer Diskriminierung empirisch überprüft. Die Ergebnisse zeigen, daß - unter sonst gleichen Bedingungen - eine inklusive Kategorisierung salienter wird als eine exklusive Kategorisierung. In Übereinstimmung mit der Selbstkategorisierungs-Theorie (Turner et al., 1987) ergab sich darüber hinaus eine signifikante Korrelation zwischen der Salienz einer sozialen Kategorisierung und der Tendenz zu Eigengruppen-Favorisierung nur für solche Personen, die hinreichend stark mit der salienten Kategorie identifiziert waren, nicht jedoch für gering identifizierte Personen. Die Ergebnisse werden als Unterstützung des vorgestellten Modells zur Salienz sozialer Kategorisierungen interpretiert.
Schlüsselwörter
Intergruppenforschung, soziale Kategorisierung, soziale Diskriminierung, Salienz sozialer Kategorisierungen
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Whenever a person is perceived as a group member rather as an unique individual, a social categorization is said to be «salient». The present paper proposes a theoretical model of antecedents of the salience of social categorizations that is strongly related to the work of Bruner (1957) and Oakes (1987). In addition, the results of an empirical study are presented which examined several hypotheses derived from the model. First, it was investigated whether exclusion versus inclusion of the perceiver with respect to a social categorization affected the salience of this classification. Second, the study examined the relationship between social categorization on the one hand and social discrimination on the other. The results show that - under otherwise equal conditions - an inclusive social categorization is more salient than an exclusive one. In addition, in line with self-categorization theory (Turner et al., 1987) a significant correlation between the salience of a social categorization and tendencies towards ingroup favouritism appeared only for subjects strongly identified with the salient self-category, but not for low identifiers. The results of the present study are interpreted as a support of the proposed model of the salience of social categorizations.
Keywords
intergroup process, social categorization, social discrimination, category salience
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Zusammenfassung
Mit einer Zwei-Wellen-Panelstudie (1994 und 1995) wird untersucht,
ob eine regionale verkehrspolitische Maßnahme (die
Einführung eines Semestertickets an der Gießener
Universität) einen meßbaren Effekt auf das
Verkehrsmittelnutzungsverhalten der Gießener Studierenden hat.
Es werden Hypothesen formuliert, welchen Einfluß die
Einführung des Semestertickets auf die mit der Busnutzung
verbundenen bedeutsamen Verhaltens- und Kontrollüberzeugungen
hat. Wie von der Theorie des geplanten Verhaltens postuliert, wird
davon ausgegangen, daß Veränderungen in diesen kognitiven
Überzeugungen, vermittelt über Einstellung, Norm,
Verhaltenskontrolle und Intention, das individuelle
Verkehrsmittelnutzungsverhalten der Studierenden in Richtung einer
verstärkten Busnutzung beeinflussen.
Empirisch werden diese Hypothesen mittels eines
Strukturgleichungsmodells getestet, indem anhand der Daten des
Zwei-Wellen-Panels nicht nur simultan die Parameter des
querschnittlichen Meß- und Strukturmodells geschätzt
werden, sondern auch die Stabilitäten aller Variablen sowie die
Ausprägung der latenten Mittelwerte. Es zeigt sich, daß es
nach Einführung des Semestertickets zu einer positiven
Veränderung in den Mittelwerten der von den Studierenden mit der
Busnutzung bei Hochschulwegen verbundenen Verhaltenskonsequenzen und
Kontrollüberzeugungen kommt. Die Veränderungen in den
kognitiven Überzeugungen bedingen, vermittelt über
entsprechende Veränderungen in der Einstellung, subjektiven
Norm, Verhaltenskontrolle und Intention, eine deutlich stärkere
Busnutzung der Gießener Studierenden nach Einführung des
Semestertickets.
Schlüsselwörter
Theorie des geplanten Verhaltens, Verkehrsmittelnutzung, Evaluation umweltpolitischer Maßnahmen
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
A two-wave-panel study (1994 and 1995) was conducted to examine the impact of a regional traffic-policy-measure (the introduction of a fee financed student bus ticket in Gießen) on the transportation mode choice of students. From the theory of planned behavior (TPB), hypotheses are derived how this objective change in the conditions of public-transportation for students should influence the individual transportation mode choice. Empirically these hypotheses are tested by using structural equation models, estimating at both time-points simultaneously the measurement-, the structural-model and the latent means. The descriptive results show a strong change in the individual transportation mode choice of the students. Whereas the use of public-transportation increased considerably, the use of private cars decreased in the same amount. The results of the structural equation model confirm the hypotheses derived from the TPB: Changes in cognitive beliefs associated with the bus-use caused corresponding changes in the TPB-constructs «attitude», «norm» and «perceived behavioral control». These changes, mediated through changes in the intention to use the bus, caused the observed changes in the individual use of public transportation.
Keywords
theory of planned behavior, travel mode choice, environmental policy-evaluation
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
Zusammenfassung
In drei Experimenten zur Personenwahrnehmung anhand von Adjektivsets wurde überprüft, ob Reihenfolgeeffekte in der Eindrucksbildung auf die zunehmende Ermüdung der Versuchspersonen über die Dauer des Experimentes hinweg (Ermüdungshypothese) oder auf die abnehmende Aufmerksamkeit der Versuchspersonen während der Darbietung jedes einzelnen Adjektivsets (Attention-Decrement-Hypothese) zurückzuführen sind. Bei zunehmender Ermüdung im Verlauf des Experimentes sollten sich zu Beginn der experimentellen Sitzung Recency-Effekte zeigen, am Ende hingegen Primacy-Effekte. Im Gegensatz dazu sollten bei nachlassender Aufmerksamkeit während der Darbietung eines Sets zu Beginn wie auch am Ende Primacy-Effekte auftreten. In den Experimenten 1 und 2 wurden bei visueller Darbietung ausschließlich Primacy-Effekte gefunden, und in Experiment 3 mit akustischer Darbietung zeigte sich am Anfang eine nichtsignifikante Tendenz zum Primacy-Effekt. Die Ergebnisse werden als Beleg gegen die Gültigkeit der Ermüdungshypothese interpretiert.
Schlüsselwörter
impression formation, primacy-effect, recency-effect, attention, adjectives
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern
In three experiments investigating position effects in personality impression formation subjects were given sets of personality trait adjectives, and judged how much they would like the person described. The question examined was whether position effects are due to the increasing fatigue during the progress of the experiment (fatigue hypothesis) or to attention decrement during the presentation of each set (attention-decrement-hypothesis). While an increase of fatigue during the experiment should lead to recency-effects at the beginning of the experiment and primacy-effects at the end, attention decrement should result in primacy-effects at the beginning as well as at the end of the experiment. In experiments 1 and 2 in which adjectives were presented visually solely primacy-effects were found. Experiment 3 which used acoustic presentation showed a nonsignificant tendency for a primacy-effect at the beginning. Results did not support the fatigue hypothesis.
Keywords
Eindrucksbildung, Primacy-Effekt, Recency-Effekt, Aufmerksamkeit, Adjektive
Zeitschrift für Sozialpsychologie, Band 28, 1997, © Verlag Hans Huber AG, Bern