Zusammenfassung
Massenunfälle bei Nebel mit 30 bis 60 ineinander verkeilten Fahrzeugen können entstehen, wenn in einer Kolonne die Wagen zu schnell und zu dicht hintereinander fahren. Zu den Erklärungsversuchen, warum dies immer wieder geschieht, gehört die populäre Meinung, die Leute würden stur und unbekümmert rasen, als hätten sie freie Fahrt. Diese und andere Erklärungen erweisen sich bei kritischer Betrachtung als unglaubwürdig oder unzulänglich. Eine stimmige Interpretation des Massenunfalls bei Nebel und seiner Voraussetzungen gelingt mit einer Analyse, die durch zwei sozialpsychologische Theorien, die Theorie Sozialer Vergleichsprozesse von Leon Festinger und die Reaktanztheorie von Jack Brehm, geleitet wird. Eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell ermöglichte Befragung einer repräsentativen Stichprobe von 1773 PKW-Fahrern aus dem gesamten Bundesgebiet im Rahmen des SozialwissenschaftenBus III vom Herbst 1994 der Institute ZUMA und GETAS hat die theoretische Analyse mit sehr ermutigenden Ergebnissen unterstützt. Darüber hinaus zeigten sich instruktive Differenzierungen zwischen den Verhaltensangaben der Befragten vor allem in Abhängigkeit von ihrem Geschlecht und ihrem Alter. Der Bericht schließt mit einigen praktischen Folgerungen aus den Befunden.
Schlüsselwörter:
Angewandte Sozialpsychologie, Theorie und Praxis, Risiko, Unfallserien
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
Mass accidents on roads under fog with 30 to 60 vehicles involved may occur if in a row of cars the drivers follow each other too closely at a dangerous speed. Why this happens again and again is frequently explained with the simple suggestion that many people are just dumb, unconcerned racers. This and other explanations do not stand up to critical scrutiny. A consistent interpretation of mass accidents under fog and their preconditions can be derived from two socio-psychological theories, Leon Festinger's theory of social comparison processes, and Jack Brehm's theory of psychological reactance. A grant from the Deutsche Forschungsgemeinschaft made possible a survey with a representative sample of 1773 car drivers from the Federal Republic of Germany, as part of the SozialwissenschaftenBus III in the fall of 1994, conducted by the institutes ZUMA and GETAS. The data from this survey furnished encouraging support for the theoretical analyses of the phenomenon under discussion. Furthermore, instructive differences with respect to the acknowledged behavior tendencies appeared in relation to gender and age of the respondents. The report closes with a brief discussion of some practical implications of the results.
Key words:
Applied social Psychology, Theory and Practice, Risk, Mals Accidents
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
Zusammenfassung
In der vorliegenden Studie wurde der Einfluß des Selbstkonzeptes auf die Verarbeitung selbstbezogener Informationen untersucht. Den Versuchspersonen (Vpn) wurden dabei Rückmeldungen über ihre Person in verschiedenen Persönlichkeitsbereichen gegeben. Diese Rückmeldungen stimmten entweder mit den Selbsteinschätzungen der Vpn überein (konsistente Rückmeldung) oder wichen davon in Richtung bzw. in Gegenrichtung des idealen Selbstbildes ab (positive bzw. negative Rückmeldung). Untersucht wurde, wie Personen affektiv und kognitiv auf diese Informationen unterschiedlicher Qualität reagieren, d.h. z.B. wie zufrieden sie mit den Informationen sind und für wie valide sie diese beurteilen. Bisherige Studien zu dieser Fragestellung erfolgten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven: der sozial-kognitiven und der motivationstheoretischen Perspektive. Sozial-kognitive Ansätze untersuchten den Einfluß von Selbstschemata und ihres Elaborationsgrades (schematisch/aschematisch) auf die Informationsverarbeitung. Motivationstheoretische Ansätze betrachteten im selben Kontext den Einfluß bestimmter Motive (z.B. der Motive Selbstwerterhöhung und Selbstkonsistenz). Ein von den AutorInnen dieses Artikels entwickelter neuer Ansatz - der Integrative Selbstschemaansatz (ISSA) - postuliert dagegen eine Interaktion motivationaler und kognitiver Faktoren bei der Verarbeitung selbstbezogener Informationen. Für schematische Selbstkonzeptbereiche wird vom ISSA vorhergesagt, daß das Motiv Selbstkonsistenz die Informationsverarbeitung dominieren sollte (Bevorzugung konsistenter Informationen), während in aschematischen Bereichen das Motiv nach Selbstwerterhöhung vorherrschen sollte (Bevorzugung positiver Informationen). Die experimentellen Ergebnisse bestätigen weitestgehend die Annahmen des ISSA.
Schlüsselwörter:
Selbstkonzept, Selbstschema, Selbstwerterhöhung, Selbstkonsistenz, Soziale Kognition
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
This study investigated how the self-concept affects reactions to self-relevant information. Subjects received fictitious feedback on six different personality dimensions. These feedbacks were either consistent with self-perceptions, more positive than expected (closer to the ideal self) or more negative than expected (feedback: self-consistent vs. positive vs. negative) and addressed schematic or aschematic personality dimensions (elaboration of self-schema: schematic vs. aschematic). Affective reactions (satisfaction) and cognitive reactions (evaluations of test validity) towards these feedbacks were analysed as dependent variables. In the past, research in this area has been based either on motivational theories or theories of social cognition. From a motivational perspective motives of self-esteem enhancement or self-consistency are expected to control reactions to self-relevant feedback. On the other hand, theories in the field of social cognition assume that the elaboration of self-schemata is the most important determiner of such reactions. A new theoretical approach, formulated by the authors of this paper, - the Integrative Self-Schema Model (ISSM) - postulates an interaction between motivational and cognitive processes: On schematic dimensions it is predicted that the motive of self-consistency controls affective and cognitive reactions, thus implying the most positive reactions towards self-consistent feedback. However, on aschematic dimensions the motive for self-esteem enhancement is expected to dominate, thus leading to the most positive reactions towards positive feedback. The experimental results largely confirmed the hypotheses derived from the ISSM.
Key words:
Self-concept, Self-schema, Self-enhancement, Self-verification, Social cognition
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
Zusammenfassung
In diesem Artikel wird aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive die Rolle des subjektiven Erlebens von (Un)-Gerechtigkeit sowie die Verwendung gerechtigkeitsrelevanter Argumente und Rhetoriken für die Genese, den Verlauf und das Management von Konflikten analysiert. Im einzelnen werden vier verschiedene Funktionen von (Un)-Gerechtigkeit für soziale Konflikte erörtert. (1) die Auslösungsfunktion: Ungerechtigkeitserleben löst soziale Konflikte aus; (2) die Argumentationsfunktion: (Un-)Gerechtigkeitsrhetoriken dienen der Stützung der eigenen Position; (3) die Lösungsfunktion: anhand von Gerechtigkeitsprinzipien werden Konfliktlösungsmöglichkeiten gesucht; (4) die Akzeptanzfunktion: die Etikettierung der Konfliktlösung als gerecht erhöht ihre Akzeptanz.
Schlüsselwörter:
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
Gerechtigkeit, Konflikt
In the present article, from the perspective of justice theory, we analyse (in-)justice experiences as well as reliance on justice arguments and rhetorics, with respect to their roles in the development, the course, and the management of conflicts. More specifically, four different functions of (in-)justice, for social conflicts, will be discussed: (1) trigger function: experiences of injustice trigger social conflicts; (2) arguing function: rhetorics of (in-)justice serve to support one's own position; (3) resolution function: with the aid of justice principles, possibilities to resolve the conflict are generated; (4) acceptance function: labelling conflict resolutions as just increases acceptance.
Key words
Justice, Conflict
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
Zusammenfassung
In zwei Studien werden Geschlechtsstereotype und Meinungen über Führungserfolg im Betrieb untersucht. In der ersten Arbeit wurden 150 Personen (Unternehmer, Unternehmerinnen, Arbeiter, Arbeiterinnen und Manager) nach typischen Eigenschaften erfolgreicher Unternehmer und Unternehmerinnen gefragt. Die direkte Befragung ergab, daß Unternehmerinnen und Unternehmer ähnlich beschrieben werden. Geschlechtsstereotype scheinen demnach nicht (mehr) zu bestehen.
Um einerseits sozial erwünschten Antworten in der Beschreibung von Geschlechtsunterschieden, wie sie in einer offenen Befragung möglich sind, vorzubeugen und andererseits zeitliche Veränderungen von Geschlechtsstereotypen festzustellen, wurden in einer zweiten Studie Todesanzeigen verstorbener Führungspersonen analysiert, die von den Betriebsangehörigen verfaßt worden waren. Dabei zeigte sich, daß die Attribute, die verstorbenen Männern zugeschrieben worden waren, von 1960 bis 1990 gleichlautend auf Intelligenz, Erfahrung und ähnliche Eigenschaften hinweisen. Die Häufigkeiten und Inhalte der Attribute, die Frauen in Führungspositionen zugeschrieben wurden, änderten sich im Zeitverlauf. Waren 1960 und 1970 Frauen vor allem als verehrenswürdige Personen beschrieben worden, so wurden sie im vergangenen Jahrzehnt als engagiert und ausdauernd gewürdigt. Zwar wird Frauen so wie Männern Führungserfolg zugesprochen, der Erfolg von Männern scheint aber auf stabilen, der von Frauen auf veränderlichen Eigenschaften zu beruhen. Diese Hypothese wurde im weiteren geprüft. Fünf Beurteiler prüften die Attribute aus den Todesanzeigen danach, ob sie auf stabile oder instabile und erfolgskorrelierte oder erfolgsneutrale Eigenschaften verweisen. Tatsächlich konnte bestätigt werden, daß in der Vergangenheit und auch gegenwärtig Männern häufiger erfolgsversprechende stabile und seltener instabile Eigenschaften attribuiert werden als Frauen.
Schlüsselwörter:
Geschlechtsstereotype, Frau-Mann in Führungspositionen, Führung, Führungsstereotype
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern
This article reports on two studies which investigate gender stereotypes and opinions about leadership success in business organizations. In the first study, 150 participants (male and female entrepreneurs, male and female collaborators and male managers) were asked to indicate typical characteristics of successful male and female entrepreneurs. When asked directly, only a few differences between male and female entrepreneurs were reported. Thus, it would seem that gender stereotypes no longer exist.
The second study aimed at avoiding social desirability tendencies, which are likely to bias questionnaire data, and also at investigating changes of stereotypes over time. Obituaries of male and female leaders, formulated by former collaborators of the deceased person, from the years 1960, 1970, 1980 and 1990 were analyzed. It is shown that, independent of the year, male leaders were mainly described as intelligent and experienced. Characteristics attributed to women leaders changed over time. Whereas they were described as adorable persons in 1960 and 1970, during the last decade they were characterized as highly engaged. Leadership success seems to be attributed to both males and females, but while males' success may be based on stable characteristics, females' success seems to depend on rather unstable attributes. This hypothesis was subsequently tested. Five psychologists classified the attributes into categories of stable versus unstable and success-correlated versus success-neutral attributes. Both in the past and at present, success-correlated stable attributes are more likely ascribed to males whereas unstable characteristics are less likely attributed to males than to females in leadership positions.
Key words:
Gender stereotypes, Women-men in leadership positions, Leadership, Leadership stereotypes
Zeitschrift für Sozialpsychologie 27, 1996, Heft 2, © Verlag Hans Huber, Bern