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Zeitschrift für Sozialpsychologie 1, 1995


Angst als dispositionelle selbstwertdienliche Strategie
in Leistungssituationen
Test anxiety as a dispositional defense in achievement-related situations

Bernd Bossong

Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Die Betonung der Prüfungsangst kann als antizipatorische, selbstbehindernde Strategie zur Verteidigung des Selbstwerts eingesetzt werden: Potentielle Mißerfolge werden dann eher auf Angst und weniger auf niedrige Fähigkeiten zurückgeführt. Wir unterstellen, daß sich Personen stabil in ihrer Bereitschaft unterscheiden, Prüfungsangst defensiv einzusetzen (DEF-ANG). Bei Personen mit niedriger (vs. hoher) DEF-ANG sollen die Angstberichte eher veridikal sein, d.h. den tatsächlichen Angstgefühlen entsprechen. Die Skala, die zur Messung dieser Bereitschaft entwickelt wurde (DEF-ANG-Skala), erwies sich in mehreren Stichproben als reliabel (Cronbachí's Alpha, Md = .89). Die Konstruktvalidität sollte an Hand von drei Voraussagen empirisch geprüft werden:

  1. Personen mit hoher (vs. niedriger) DEF-ANG Bereitschaft reagieren sensibler auf Informationen über die Plausibilität, mit der in einem gegebenen Kontext Angst defensiv eingesetzt werden kann.
  2. Personen mit hoher (vs. niedriger) DEF-ANG Bereitschaft erzielen in selbstwertbedrohenden Prüfungssituationen höhere Leistungen.
  3. Die Korrelationen zwischen Schulnoten und dem Selbstkonzept der Intelligenz sind höher bei Schülern mit einer niedrigen (vs. hohen) DEF-ANG Bereitschaft. Die Ergebnisse unterstützen weitgehend diese Annahmen.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 3-14 © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Test anxiety can be used as a strategic anticipatory defense: potential failure can be attributed to anxiety rather than to low ability. In this study we assume that individuals differ in their stable preference for the defensive use of test anxiety (DEF-ANG): Self-reports of anxiety by low (vs. high) DEF-ANG individuals should be more accurate indicators of inner feelings. A scale measuring DEF-ANG was developed. Reliablity, measured in five samples of students, seems to be satisfactory (Cronbachí's Alpha, Md = .89). To establish construct validity we tested three predictions in empirical studies:

  1. In an evaluative context high (vs. low) DEF-ANG individuals are more sensitive to information concerning the plausibility of the defensive use of test anxiety.
  2. High (vs. low) DEF-ANG individuals show a better performance at an ego-threatening task.
  3. Correlations between grades and self-concept of intelligence are higher among low (vs. high) DEF-ANG students. In general, the findings supported these assumptions.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 3-14 © Verlag Hans Huber, Bern


Werthaltungen und materieller Erfolg bei Aussiedlern
Values and material success of resettlers

Ernst-D. Lantermann, Martin Hänze

Universität Gesamthochschule Kassel

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Ein zweistufiges Kausalmodell zur Entstehung individualistisch/kollektivistischer Werthaltungen unterschiedlich starker Handlungsbezogenheiten sowie deren Auswirkungen auf die materiellen Eingliederungserfolge von Aussiedlerfamilien wurde formuliert und empirisch überprüft. Es wurde postuliert, daß die aktuellen individuellen Werthaltungen von dem Klima geprägt wurden, das in den Herkunftsorten der Aussiedler vor ihrer Ausreise in die BRD vorherrschte. Individuelle Werthaltungen sollten wiederum den materiellen Integrationserfolg bestimmen. Zur Überprüfung des Modells wurden im Interview gewonnene Daten von 239 Aussiedlerfamilien aus Polen, Rumänien und der früheren UdSSR mit einem Strukturgleichungsmodell kausalanalytisch untersucht. Zentrales Ergebnis war, daß einerseits ein deutsch-affines Klima im Herkunftsland zu kollektivistischen Werthaltungen führt, andererseits aber gerade eine individualistische Werthaltung den besseren Integrationserfolg in der Bundesrepublik Deutschland verspricht. Der gefundene Kausalzusammenhang zwischen Individualismus und Erfolg wird jedoch darüber relativiert, daß Werthaltungen, die eine hohe Handlungsorientiertheit einschließen, die Erfolgchancen vermindern.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 15-23 © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

A causal two-step model for the development and effects of values with different content domains (individualistic versus collectivistic values) and different degrees of action orientedness in resettler families was empirically tested. It was postulated that the actual individual values were determined by the German climate in the country of origin and can be used as predictors of material success of integration. Resettler families whose values matched best with the dominant individualistic value structure within the German society were predicted best chances in integration. The model was tested with a structural equation model on the basis of interview data from 239 resettler families from Poland, Roumania and the former USSR. It was found that a German climate in the country of origin leads to collectivistic values, but that a better success of integration in the Federal Republic of Germany is afforded by individualistic values. This causal path is accompanied by another causal relationship. High degrees of action orientedness lead to decreases, low degrees to increases of success of integration.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 15-23 © Verlag Hans Huber, Bern


Enge Beziehungen aus der Perspektive der Interdependenztheorie: Situationsstrukturen, Depressivität und Zufriedenheit
Close interpersonal relationships from the perspective of interdependence theory: situational structures, depression, and relationship satisfaction

Friedrich Försterling, Susanne Böcker

Pädagogische Hochschule ErfurtUniversität Bielefeld

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

In einer Studie an heterosexuellen Paaren wurden Ableitungen aus der Interdependenztheorie überprüft. Zweiunddreißig Paare, die seit mindestens drei Monaten in einer Beziehung standen, gaben an, wie zufrieden sie mit verschiedenen Kombinationen hypothetischen eigenen Verhaltens mit Verhalten des Partners wären und für wie wahrscheinlich sie diese Kombinationen hielten (z.B. getrennt bzw. gemeinsam einen Ausflug zu unternehmen). Eine Situation gemeinsamer Freizeitplanung wurde als vorrangig durch gegenseitige Verhaltenskontrolle charakterisiert angesehen (Ergebnisse konnten durch Koordinierungdes Verhaltens beider Partner maximiert werden), und Situationen sozialer Unterstützung waren durch ein hohes Maß an Schicksalskontrolle gekennzeichnet (Ergebnisse standen nur unter der Kontrolle des potentiell Unterstützung gewährenden Partners). Die antizipierten Verhaltenswahrscheinlichkeiten hingen nicht nur eng mit den antizipierten eigenen Ergebnissen zusammen, sondern berücksichtigten auch die Ergebnisse des Partners (es fanden Transformationen statt). Zufriedenheit mit der Partnerschaft und Depression hingen mit Parametern der Interdependenztheorie zusammen: z. B. gingen hohe Schicksalskontroll-Werte in Situationen sozialer Unterstützung mit hoher Zufriedenheit und mit geringer Depression einher.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 24-33 © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Several hypotheses derived from interdependence theory were tested in a study investigating heterosexual couples. Thirty-two couples whose relationships had lasted for at least three months indicated their satisfaction with different combinations of their own and their partner’s behavior in hypothetical situations. In addition, subjects rated the perceived probability of each combination in these situations (e. g., to make a trip alone or together with the partner). The situation “planning a short vacation” was found to be mainly characterized by mutual behavior control: Outcomes were mostly influenced by the coordination of the behavior of both members of the couple. By contrast, “social support-situations” were predominantly characterized by fate control (outcomes were primarily controlled by the person able to provide support). The probability-ratings of the behavioral combinations were correlated with anticipated own outcomes and also took into account the partner’s outcomes (transformations occurred). Relationship satisfaction and depression also covaried with some of the parameters of interdependence theory. For instance, high scores of fate control in social support situations were associated with low levels of depression and high relationship satisfaction scores.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 24-33 © Verlag Hans Huber, Bern


Spontanes kontrafaktisches Denken
Spontaneous counterfactual processing

Karl Christoph Klauer, Gerd Migulla

(Zusammenfassung, Summary)

Zusammenfassung

Universität Heidelberg, Freie Universität Berlin

Kontrafaktisches Denken liegt vor, wenn eine irreale Vorstellungswelt mental konstruiert wird. Viele Urteilsprozesse und emotionale Reaktionen werden durch kontrafaktisches Denken beeinflußt. Als Bedingungen, die das kontrafaktische Denken und allgemeiner den Einsatz der Simulationsheuristik im Sinne von Kahneman und Tversky (1982) auslösen, gelten das Eintreten von Ereignissen negativer Valenz und das Eintreten unerwarteter Ereignisse. In einem Experiment lasen Versuchspersonen Szenarien, die über die Versuchspersonen hinweg die zwei Faktoren Valenz und subjektive Erwartung unabhängig manipulieren. Die Versuchspersonen reagierten nur dann mit dem Einsatz der Simulationsheuristik, wenn die Szenarien mit Ereignissen negativer Valenz enden. Die subjektive Erwartung spielte dagegen keine Rolle. Das zeigt ein neues Verfahren der strukturellen Analyse der Ergebnisse einer Inhaltsanalyse der schriftlichen Äußerungen der Versuchspersonen. Die Befunde werden vor dem Hintergrund der Ergebnisse und Theorien zu auslösenden Bedingungen kausalen Attribuierens diskutiert.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 34-45 © Verlag Hans Huber, Bern

Summary

Spontaneous counterfactual processing is given when a mental simulation is constructed that contradicts events of the real world. Many judgments and emotional reactions are influenced by counterfactual thinking. Conditions that elicit counterfactual processing are negatively valenced events as well as unexpected events. In the study subjects read scenarios that independently varied the two-factors valence and subjective expectation. Subjects only constructed mental simulations if the scenarios resulted in negative events. Subjective expectation was not found to play a role. This is shown by means of a new method of structural analysis of categorical data obtained from a content analysis of subjects’ written responses. The results are discussed in light of findings in the field of causal attributions.

Zeitschrift für Sozialpsychologie 26, 1995, Heft 4, S. 34-45 © Verlag Hans Huber, Bern



wwwadmin@hanshuber.com , 4. Juni 1997